
Das kleine Segelschiff mit dem schönen Namen "Atlantikus" war einmal sehr berühmt. Viele Male ging es auf große Entdeckungsreise und segelte von Ozean zu Ozean. Dabei war das kleine Segelschiff sehr glücklich und dachte oft: "Was gibt es Schöneres als auf dem Meer zu segeln und neue Inseln zu entdecken?" Es liebte das Rauschen der Wellen, die Schreie der Möwen und das Glucksen der Fische.
Doch eines Tages kam ein großer Sturm auf. Die Möwen und Fische wollten das kleine Segelschiff noch warnen rechtzeitig an Land zu fahren. Aber es war zu spät. Der Sturm kam so schnell herangebraust, dass das Segelschiff trotz voller Fahrt die nächste Insel nicht erreichen konnte. Der Wind blies mit so viel Kraft, dass die Segel zu reißen drohten und die Wellen wurden so groß, dass sie das kleine Segelschiff fast unter sich begruben. Aber das kleine Segelschiff kämpfte gegen den Sturm an und rief laut: "Bitte lieber Sturm verschone mich! Ich möchte noch nicht untergehen - es gibt doch noch so viel zu entdecken!" Da hatte der Sturm Mitleid mit dem kleinen Segelschiff und zog sich langsam zurück. Mit einem letzten Windstoß spülte der Sturm das Segelschiff an den nächsten Strand. Es war in Sicherheit. Aber wie sah das kleine Segelschiff aus? Sein großes Segel war ganz zerissen und Wasser strömte durch viele kleine Löcher und Ritzen in sein Inneres. Traurig betrachtete es sich und dachte: "So werde ich wohl nie wieder segeln können". Es begann leise zu weinen. Da hörte es plötzlich eine Jungenstimme: "Mama, schau mal, da liegt ein kleines Segelschiff am Strand! Oh wie traurig es aussieht. Es hat ja ganz zerissene Segel!". Der kleine Junge hob das Segelschiff auf und schaute es sich ganz genau an. Dann rief er: "Mama, es heißt Atlantikus. Ist das nicht ein wunderschöner Name? Darf ich es mitnehmen und reparieren?" Das kleine Segelschiff war so überrascht, dass es gar nicht wusste wie ihm geschah. Gerade in seiner größten Not, schien sich plötzlich alles zum Guten zu wenden. Es dachte nur: "Der kleine Junge will mich reparieren. Wie wunderbar! Vielleicht kann ich dann eines Tages wieder auf den Weltmeeren segeln und auf Entdeckungsreise gehen!"

Der kleine Junge, der übrigens Max hieß, kümmerte sich sehr um das kleine Segelschiff. Er reparierte die zerissenen Segel und stopfte alle Löcher und Risse. Max und das kleine Segelschiff wurden richtig gute Freunde. Doch als Max älter wurde, vergaß er das kleine Segelschiff mehr und mehr und irgendwann landete Atlantikus in der großen Spielzeugkiste mit all dem anderen Spielzeug. Es war dunkel in der Kiste und ganz schön staubig. Da sehnte sich das kleine Segelschiff nach dem großen, weitem Meer, nach dem Schreien der Möwen, dem Rauschen der Wellen und dem Glucksen der Fische. Von Tag zu Tag wurde seine Sehnsucht größer und es wollte zurück zum Meer. "Aber wie komme ich nur von hier zum Meer?" fragte es sich immer und immer wieder. Eines Tages öffentet sich plötzlich der Deckel der Spielzeugkiste und das kleine Segelschiff schaute in Max' lächelndes Gesicht: "Mein kleiner Atlantikus, dich hatte ich ja ganz vergessen! Du siehst ja ganz traurig aus. Komm, ich such dir einen schönen Platz auf dem Balkon." Ehe sich das kleine Segelschiff versehen konnte, stand es auf einem schönen, weiß gestrichenen Balkon. Es schaute sich um und dachte sich: "Wie schön es doch ist wieder die Sonne zu spüren." Die Sonnenstrahlen wärmten Atlantikus' Segel und das kleine Segelschiff schöpfte Kraft und Mut.

Doch so schön die Sonne auch war, das kleine Segelschiff wollte wieder die Wellen unter sich spüren und neue Orte entdecken! Da beschloss es auf die große Reise zu gehen und das Meer zu suchen. Nach einigen Stunden musste das kleine Segelschiff eine Verschnaufpause einlegen. Es sah sich um und wunderte sich: "Wo bin ich denn hier gelandet?" Da hörte es plötzlich ein Rauschen von ganz weit oben. Könnte das schon das Rauschen der Wellen sein? Sein kleines Herz machte einen freudigen Sprung. Doch da hörte das kleine Segelschiff eine ihm unbekannte Stimme. Es war der Baum, der mit seinem Blättern über ihm raschelte und ihm zuraunte: "Hallo kleines Segelschiff, du bist in einem Wald. In einem Wald leben ganz viele Bäume und viele verschiedene Tiere. Es ist wunderschön hier." "Ja, das glaube ich dir, lieber Baum. Aber ich bin doch ein Segelschiff und möchte wieder auf den Wellen reiten und mit den Fischen schwimmen", sagte das kleine Segelschiff. "Weißt du vielleicht den Weg zum Meer?" Der Baum schüttelte sich mit seinen Blättern und flüsterte: "Es tut mir leid, kleines Segelschiff, da kann ich dir leider nicht helfen."

Da machte sich das kleine Segelschiff wieder auf den Weg und suchte weiter und weiter. Es fuhr über Steine und Moos und begegnete vielen netten Tieren. Doch alle Tiere, die es nach dem Meer fragte schüttelten nur mit dem Kopf. Keiner konnte dem kleinen Segelschiff helfen den richtigen Weg zu finden. Aber Atlantikus gab nicht auf. Es wünschte sich nichts sehnlicher als eines Tages das Meer wiederzusehen. Zwischendurch dachte das kleine Segelschiff aber auch an Max. Es hatte sich nicht von ihm verabschiedet, weil es nicht sicher gewesen war, ob Max seine Sehnsucht nach dem Meer verstanden hätte. "Ob er wohl traurig ist, dass ich nicht mehr bei ihm bin und ob er mich wohl vermisst?" fragte sich das kleine Segelschiff manchmal. Schließlich waren Atlantikus und Max doch lange Jahre gute Freunde gewesen. Aber das kleine Segelschiff musste auf sein Herz hören und das träumte vom großen weiten Meer. Dieser Herzenswunsch trieb das kleine Segelschiff an seine Suche fortzusetzen.

Das Rauschen der Bäume begleitete es auf seinem langen Weg durch den Wald und ließ die Sehnsucht nach dem Rauschen der Wellen größer und größer werden. Plötzlich stieß das Segelschiff auf eine kleine Sandbucht. "Sand! Hier ist Sand!" rief das kleine Segelschiffchen und machte einen kleinen Luftsprung vor Freude. Denn der Sand erinnerte das kleine Segelschiff an die schönen langen Strände der vielen Inseln, die es während seiner Entdeckungsreisen angefahren hatte. "Wenn hier Sand ist, dann kann der Strand und das Meer doch nicht mehr weit sein", dachte es hoffnungsvoll. Mit voller Fahrt düste das kleine Segelschiff weiter.

Ganz müde war das kleine Segelschiff von der langen Reise schon geworden, als es beschloss eine Pause zu machen und sich ein wenig auszuruhen. Doch als es so ganz ruhig da saß, hörte es plötzlich ein Rauschen... ein Rauschen, das das kleine Segelschiff sehr an das Rauschen seiner geliebten Wellen erinnerte. Ganz aufgeregt stellte es seine Segel auf, um noch besser hören zu können. "Das Meer", dachte es, "ich kann das Meer hören". Überglücklich nahm es seine letzte Kraft zusammen und kämpfte sich noch ein Stückchen weiter. Auf einmal konnte das kleine Segelschiff das Meer tatsächlich sehen. Kleine Freudentränen kullerten über seine Segel. "Das Meer", flüsterte es, "ich kann das Meer sehen". Auch wenn das Meer noch weit entfernt war, so konnte das kleine Segelschiff das Rauschen der Wellen immer deutlicher hören und es wurde sehr glücklich. Das Segelschiff freute sich und jubelte.

Jetzt musste es nur noch die letzten Meter über die großen Sanddünen bis zum Meer überwinden. Aber das war leichter gesagt als getan. Das kleine Segelschiff war nämlich schon sehr, sehr erschöpft von der langen Reise. Trotzdem kämpfte es sich weiter über den Sand in Richtung Meer. Es musste immer wieder eine Pause einlegen, die von Mal zu Mal länger wurde. Obwohl das kleine Segelschiff den warmen Sand unter sich spürte und das Rauschen der Wellen immer stärker hörte, ging ihm die Kraft mehr umd mehr aus. Würde es die großen Dünen bis zum Meer überwinden können?

Das Meer war schon so nahe, aber das kleine Segelschiff konnte einfach nicht mehr. Vollkommen erschöpft blieb es stehen. Doch plötzlich hörte es Stimmen. Es waren Menschenstimmen. Da bekam das kleine Segelschiff Angst, dass Max sich auf die Suche nach ihm gemacht hatte und es zurückholen wollte. Sollte die lange Reise des kleinen Segelschiffes so kurz vor dem Ziel enden?

Nein, so kurz vor dem Ziel konnte es doch nicht aufgeben. Mit allerletzer Kraft schleppte sich das kleine Segelschiffchen noch ein Stückchen weiter bis es feuchten Sand unter sich spüren konnte. Doch das kleine Segelschiff konnte einfach nicht mehr. Erschöpft ließ es sich im feuchten Sand nieder und wartete auf eine große Welle, die es mit ins Meer spülen würde. Aber es wollte einfach keine große Welle kommen. "Das Meer", dachte das kleine Segelschiff traurig, "so nah und doch noch so fern". Die Stimmen kamen näher und näher und das kleine Segelschiff versuchte sich noch zu verstecken.

Plötzlich sah das kleine Segelschiff einen großen Schatten über sich und es wusste, dass die Menschen es entdeckt hatten. Atlantikus verlor jede Hoffnung bald wieder auf Entdeckungsreise im großen, weiten Meer gehen zu können und weinte bitterlich. Eine Hand packte das kleine Segelschiff, hob es hoch und fragte: "Warum weinst du denn, kleines Segelschiff?" Vor sich sah das kleine Segelschiff einen waschechten Matrosen mit einem großen Lächeln auf dem Lippen. Er sagte: "Ich finde, dass so ein wunderschönes Segelschiff wie du nicht hier am Strand liegen sollte. Ich helfe dir auf deiner Fahrt ins große Meer!" Das kleine Segelschiff konnte seinen Ohren nicht trauen. Wollte der Matrose dem kleinen Segelschiff wirklich helfen wieder ins Meer zu gelangen? Tatsächlich setzte der Matrose das kleine Segelschiff liebevoll auf der Wasseroberfläche ab und gab ihm einen kleinen Stubs in die Richtung des großen weiten Meeres. "Gute Reise, Atlantikus", wünschte er dem kleinen Segelschiff. "Vielen, vielen Dank für deine Hilfe", rief das kleine Segelschiff dem netten Matrosen noch zu bevor es seine Segel straffte und Fahrt aufnahm. Die nächste Entdeckungsreise konnte beginnen. "Manchmal gehen Herzenswünsche tatsächlich in Erfüllung, man muss nur ganz fest daran glauben", dachte sich das kleine Segelschiff. Kurz darauf hörte das kleine Segelschiff nur noch das Rauschen der Wellen, das Schreien der Möwen und das Glucksen der Fische und war überglücklich endlich wieder auf dem Meer zu segeln.